Drei Helfer, damit Ihre KI nichts mehr vergisst
Liebe Geschäftsführerin, lieber Geschäftsführer,
in den letzten Monaten bin ich in einen Kaninchenbau gefallen. Je intensiver ich mich mit Agentic Coding beschäftigt habe, also damit, die KI selbstständig Software bauen zu lassen, desto schneller konnte ich immer mehr nützliche Dinge bauen. KI-Mitarbeiter, die ganze Aufgaben übernehmen. Skills, die meine Arbeit beschleunigen. Ganze Apps, bis hin zu meinem eigenen Betriebssystem. Lauter Dinge, die ich vor wenigen Monaten nicht im Ansatz konnte.
Mein KI-Kompanion wirkte dabei unfassbar schlau. Er schien sich alles zu merken. Oder doch nicht? Irgendwann ist mir aufgefallen, dass er mich nach Dingen fragt, die wir längst klar definiert hatten. Das passierte immer wieder, bis mir klar wurde: Das braucht eine Lösung. Also habe ich gelernt und mir Hilfsmittel geschaffen, mit denen mein KI-Kollege seine Arbeit schneller, effizienter und besser macht.
Der Grund für das Vergessen ist einfach. Verlässlich weiß eine KI nur das, was sie zu Beginn eines Gesprächs zu lesen bekommt. Alles andere rekonstruiert sie aus Bruchstücken oder sie rät. Und sie sagt Ihnen nicht, wann sie rät.
Diese Helfer möchte ich heute mit Ihnen teilen. Egal ob Sie die normalen Apps wie ChatGPT oder Claude benutzen oder im Terminal arbeiten: Sie bauen sie sich mit der KI selbst, ohne eine Zeile Code.
3 Helfer, damit Ihre KI nicht mehr vergisst:
Die STAND.md: wo Ihr Projekt gerade steht
Bei längeren Vorhaben, ob eine eigene App, ein Konzept oder eine Ausschreibung, verteilt sich das Wissen über viele alte Chats. Getroffene Entscheidungen gehen darin unter. Genau dort fragt Sie die KI nach Dingen, die längst geklärt sind, oder sie entscheidet sie still neu.
Die Lösung ist eine Datei pro Projekt mit vier Abschnitten: Ziel, aktueller Stand, getroffene Entscheidungen mit Begründung, nächste Schritte. Die erste Fassung lassen Sie die KI aus dem bisherigen Verlauf schreiben: „Erstelle eine STAND.md für dieses Projekt mit Ziel, Stand, Entscheidungen samt Begründung und nächsten Schritten.“ In der App laden Sie sie als Datei in Ihr Projekt, im Terminal liegt sie im Projektordner. Halten Sie sie kurz und werfen Sie Erledigtes raus. Je länger so eine Datei wird, desto eher geht etwas unter, und manche Werkzeuge lesen ab einer gewissen Länge gar nicht mehr weiter, ohne es Ihnen zu sagen. Mir ist das selbst passiert. Erst als ich meine Dateien aufgeräumt und von einem zweiten Modell gegenprüfen ließ, sind zwei Stellen aufgefallen, die verloren gegangen waren.
Konkret heißt das für Sie: Legen Sie für Ihr wichtigstes KI-Projekt heute eine STAND.md an.
Der Abschluss-Skill: sauber aufhören
Die STAND.md nützt nur, wenn sie aktuell ist. Nach einer langen Arbeitsrunde hat aber niemand Lust, noch Dokumentation zu schreiben. So veraltet der Stand, und die KI arbeitet morgen mit dem Wissen von letzter Woche.
Die Lösung ist ein einziger Befehl am Ende jeder Arbeitsrunde, der das für Sie erledigt. Lassen Sie ihn sich einmal von der KI formulieren, etwa so: „Schreib mir eine Anweisung für das Ende jeder Arbeitsrunde. Sie soll die STAND.md aktualisieren, neue Entscheidungen mit Begründung festhalten, die nächsten Schritte notieren und einen Satz für den Wiedereinstieg formulieren.“ In der Claude-App und im Terminal speichern Sie das Ergebnis als Skill, den Sie mit einem Wort aufrufen. In anderen Apps legen Sie es als Textbaustein ab. Bei mir heißt dieser Befehl „Feierabend“. Ab dann dauert der saubere Abschluss nur noch einen Befehl.
Konkret heißt das für Sie: Lassen Sie sich den Abschluss-Skill heute schreiben und nutzen Sie ihn am Ende Ihrer nächsten drei Arbeitsrunden.
Der Wiedereinstieg: mehrere Projekte im Griff
Wer einmal angefangen hat, arbeitet bald an mehreren Projekten gleichzeitig. Eine App hier, ein Konzept da, eine Auswertung dazwischen. Nach ein paar Tagen wissen Sie nicht mehr, wo Sie bei welchem Projekt stehengeblieben sind und wo die passende STAND.md liegt. Der erste Teil jeder Arbeitsrunde geht dann fürs Suchen und Erklären drauf.
Die Lösung ist eine einfache Liste mit allen Projekten, an denen Sie arbeiten. Pro Projekt eine Zeile: Name, wo die STAND.md liegt, und der Satz für den Wiedereinstieg. Diesen Satz schreibt Ihr Abschluss-Skill gleich mit hinein, Sie müssen die Liste also nicht selbst pflegen. Erweitern Sie dafür die Anweisung aus Helfer 2 um einen Satz: „Trag den Wiedereinstieg in meine Projektliste ein und ersetze dabei den alten Eintrag.“ Wenn Sie weiterarbeiten wollen, öffnen Sie die Liste, wählen das Projekt und kopieren die Zeile in einen neuen Chat, etwa: „Lies die STAND.md von Projekt X und sag mir, wo wir stehen.“ Die KI ist sofort im Thema, und Sie sehen auf einen Blick, welches Projekt schon zu lange liegt.
Konkret heißt das für Sie: Legen Sie sich heute die Liste an und tragen Sie jedes Projekt ein, an dem Sie gerade mit KI arbeiten.
Fazit: Ihre KI ist so gut wie das, was sie zu Beginn zu lesen bekommt. Die STAND.md hält fest, wo ein Projekt steht. Der Abschluss-Skill hält sie aktuell. Die Projektliste bringt Sie in jedes Projekt sofort zurück. Einmal eingerichtet, zahlt sich das bei jedem Gespräch aus.
- Was erklären Sie Ihrer KI immer wieder aufs Neue?
- Wo liegt heute der Stand Ihres wichtigsten KI-Projekts, und würde ein Kollege ihn in fünf Minuten finden?
- Wie viele Projekte haben Sie gerade offen, und bei welchem wissen Sie nicht mehr genau, wo Sie stehen?
Wie denken Sie darüber? Teilen Sie Ihre Gedanken gerne auf LinkedIn und lassen Sie uns voneinander lernen.
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Martin Posarnig