Ausgabe 137 6. August 2026

Drei Wahrheiten über KI-Mitarbeiter, bevor Sie einen mieten

Liebe Geschäftsführerin, lieber Geschäftsführer,

haben Sie auch schon ein Angebot für Ihre neuen KI-Mitarbeiter bekommen? Virtuelle Mitarbeiter zu verkaufen oder zu verleasen ist gerade sehr beliebt. Ich hatte selbst schon das Vergnügen.

Meine Einschätzung vorweg: Ich bin noch nicht überzeugt.

Im Vorfeld klingt alles einfach und selbstverständlich. Der Mitarbeiter bringt jedes erdenkliche Wissen mit. Er ist sofort einsatzfähig. Ein paar kleine Anpassungen, dann ist er produktiv.

So einfach war es dann doch nicht. Die ersten Aufgaben dauerten länger als angekündigt. An die Leistungsfähigkeit meiner bestehenden Mitarbeiter ist er nicht herangekommen.

Ich halte das nicht einmal für das eigentliche Problem. Ein Werkzeug, das noch nicht alles kann, ist normal. Das Problem ist die Kommunikation der Anbieter. Einige versprechen mehr, als sie halten können.

Mit dem Eindruck bin ich nicht allein. Gartner hat sich den Markt angesehen und kommt zu einem harten Befund: Von den tausenden Anbietern, die heute mit KI-Agenten werben, schätzt Gartner nur rund 130 als echt ein. Der Rest sind umetikettierte Chatbots, Assistenten und bekannte Automatisierungswerkzeuge in neuem Gewand. Es gibt inzwischen einen eigenen Begriff dafür. Agent Washing.

Dazu passt die zweite Zahl. Gartner rechnet damit, dass über 40 Prozent aller Agenten-Projekte bis Ende 2027 wieder eingestellt werden. Die Gründe: Kosten, die aus dem Ruder laufen, unklarer Nutzen und fehlende Kontrolle.

Ich verstehe, dass verkauft werden muss. Aber wer zu viel verspricht und dann nicht liefert, richtet gerade mehr Schaden an als Nutzen. Er verbrennt genau das Vertrauen, das diese Technologie in den nächsten Jahren braucht.

Drei Wahrheiten sollten Sie kennen, bevor Sie KI-Mitarbeiter in Ihrem Betrieb einsetzen.

01

Fachwissen ist nicht dasselbe wie Betriebswissen

Der gemietete Agent kennt Ihre Branche. Ihren Betrieb kennt er nicht.

Wenn Sie einen Menschen einstellen, planen Sie Einarbeitung ein. Nicht weil er sein Fach nicht beherrscht, sondern weil er den Betrieb nicht kennt. Welcher Kunde welche Toleranz verträgt. Warum eine Maschine anders gefahren wird, als im Handbuch steht. Wer bei welcher Entscheidung gefragt werden will. Nichts davon steht im Internet, und genau deshalb kann es kein Anbieter mitliefern.

Beim KI-Mitarbeiter fällt dieser Posten im Angebot einfach weg. Er wird als sofort einsatzfähig verkauft. Die Einarbeitung entfällt aber nicht. Sie wird nur nicht eingeplant, und sie landet bei Ihnen und Ihren Leuten.

Ein Agent, der Angebote schreiben soll, braucht Ihre Kalkulationslogik, Ihre Preisgrenzen, Ihre Ausnahmen. Das müssen Sie ihm geben. Niemand sonst hat es.

02

Was gemietet ist, bleibt nicht bei Ihnen

Diese Einarbeitung ist echte Arbeit. Die entscheidende Frage ist, wo sie am Ende liegt.

Arbeiten Sie einen Mitarbeiter ein, wächst Wissen in Ihrem Haus. Arbeiten Sie einen gemieteten Agenten ein, wächst es im System des Anbieters. Sie schärfen gemeinsam einen Prozess, Sie räumen Sonderfälle aus, Sie bauen Schritt für Schritt Qualität auf. Kündigen Sie den Vertrag, ist davon nichts mehr da.

Das ist kein Betrug, das ist das Geschäftsmodell. Sie sollten es nur wissen, bevor Sie unterschreiben. Stellen Sie beim nächsten Angebot eine einzige Frage: Was gehört mir, wenn ich in zwölf Monaten kündige? Die Antwort sagt Ihnen mehr über den Anbieter als die ganze Präsentation davor.

03

Die Rechnung wird selten zu Ende gerechnet

In der Werbung kursiert ein Vergleich, der sich eingeprägt hat. Ein Mitarbeiter kostet 40.000 Dollar im Jahr, ein KI-Agent 1.200. Umgerechnet sind das rund 35.000 gegen 1.000 Euro.

Die Zahl stammt aus einem Anbieter-Blog und aus dem amerikanischen Markt. Bei uns stimmt schon die linke Seite nicht. Bei vierzehn Gehältern und rund dreißig Prozent Lohnnebenkosten liegen Sie bei einem Facharbeiter eher zwischen 60.000 und 70.000 Euro im Jahr. Ihre eigene Zahl kennen Sie ohnehin besser als jeder Anbieter.

Und genau deshalb funktioniert dieser Vergleich bei uns noch besser als in Amerika. Je teurer Ihre Leute sind, desto überzeugender sieht die rechte Seite aus. Der Fehler steckt aber nicht in der linken Seite. Er steckt darin, was auf der rechten fehlt, nämlich alles, was in Wahrheit 1 und 2 steht.

Schauen Sie sich deshalb die realen Preise an. Ein einfacher Chatbot kostet 20 bis 45 Euro im Monat. Ein Assistent, der mehr kann, liegt bei 90 bis 450 Euro. Eine Lösung, die wirklich in Ihr Unternehmen integriert ist, startet bei rund 9.000 Euro Einrichtung. Je näher der Agent an Ihrem echten Betrieb liegt, desto mehr nähern sich die Kosten dem, was ein Mitarbeiter kostet. Auch diese Zahlen stammen aus dem Dollarraum, ich habe sie zum aktuellen Kurs umgerechnet.

Und dann kommt dazu, was nicht auf der Rechnung steht. Die Zeit Ihrer Leute für die Einarbeitung. Die Kontrollschleife, denn irgendwer prüft, was der Agent liefert. Die Aufgaben, die zurückkommen, weil sie doch nicht zuverlässig genug erledigt wurden.

Fazit: Ich bin nicht gegen KI-Mitarbeiter. Ich halte sie für eines der wichtigsten Werkzeuge der nächsten Jahre. Zum Mieten würde ich Ihnen aber nicht raten.

Bauen Sie die Kompetenz stattdessen im eigenen Haus auf. Der teure Teil daran ist der erste Agent, weil dabei gelernt wird. Wer das einmal verstanden hat, stellt den zweiten und den dritten mit einem Bruchteil des Aufwands daneben. Genau darin liegt der Unterschied. Ein gemieteter Agent ist eine Rechnung, die jeden Monat wiederkommt und jedes Mal gleich teuer ist. Eigene Kompetenz kostet einmal Lehrgeld und wird danach mit jedem weiteren Einsatz billiger.

Fangen Sie klein an. Eine Aufgabe, ein Mensch in Ihrem Haus, der sie mit einem Agenten übernimmt. Was dabei entsteht, gehört Ihnen.

3 Fragen für Sie
  1. Welche Aufgabe in Ihrem Betrieb könnten Sie so genau beschreiben, dass ein Fremder sie ab Montag übernimmt? Genau dort funktioniert ein Agent, und nur dort.
  2. Wer in Ihrem Haus hätte Lust, sich in dieses Thema einzuarbeiten? Diese eine Person ist mehr wert als jedes Abo.
  3. Was von dem, was ein gemieteter Agent bei Ihnen lernt, bleibt bei Ihnen, wenn der Vertrag endet?

Wie denken Sie darüber? Teilen Sie Ihre Gedanken gerne auf LinkedIn und lassen Sie uns voneinander lernen.

Wenn Sie gerade selbst so ein Angebot auf dem Tisch haben, oder wenn Sie lieber die Kompetenz im eigenen Haus aufbauen wollen und nicht wissen, wo Sie anfangen: Melden Sie sich. Ein Erstgespräch kostet Sie eine halbe Stunde und ist unverbindlich.

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Martin Posarnig
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