Ausgabe 136 30. Juli 2026

Wer hat Lust auf neue KI-Regeln? Ich!

Liebe Geschäftsführerin, lieber Geschäftsführer,

vielleicht denken Sie gerade darüber nach, KI in Ihrem Unternehmen breit und strukturiert einzusetzen. Vielleicht sind Sie gerade gestartet oder bereits mitten in einem KI-Transformationsprogramm. In jedem Fall fordern Sie damit sich selbst und Ihre gesamte Organisation heraus. KI verspricht uns massive Effizienzsteigerungen und ein leichteres Arbeitsleben. Ich würde das unterschreiben.

Europa reguliert den Einsatz von KI allerdings stärker als viele andere Regionen der Welt. Ich bin weder Datenschutzexperte noch Jurist und schon gar kein Moralapostel. Verpflichtende Anforderungen zu ignorieren, ist trotzdem weder mutig noch unternehmerisch klug. Und hin und wieder geben uns Verordnungen und Richtlinien sogar einen wertvollen Anstoß. So sehe ich die neuen Transparenzpflichten des EU AI Act, die ab dem 2. August 2026 gelten.

Vereinfacht gesagt, und ohne daraus eine Rechtsberatung zu machen, geht es vor allem um folgende Punkte:

Das bedeutet nicht, dass jetzt automatisch jeder interne KI-Assistent oder jede KI-gestützte Prozessoptimierung mit einem Warnhinweis versehen werden muss. Entscheidend sind der konkrete Anwendungsfall und die Rolle, die Ihr Unternehmen dabei einnimmt.

Die Grundlage dafür bilden die aktuellen Leitlinien der Europäischen Kommission und die Erläuterungen zu Artikel 50 des AI Act. Ich bin kein natürlicher Freund neuer Auflagen. Aber Transparenz im Unternehmen? Da bin ich dabei. Denn Transparenz macht uns das Leben einfacher. Und gelebte, niedergeschriebene Transparenz liefert gleichzeitig einen perfekten Input-Baustein für erfolgreiche KI-Projekte.

Deshalb bekommen Sie heute drei Hebel, mit denen Sie die Transparenz in Ihrem Unternehmen erhöhen und gleichzeitig eine solide Grundlage für die neuen Anforderungen schaffen.

Hebel 1

Machen Sie sichtbar, wo KI bereits arbeitet

In vielen Unternehmen beginnt der KI-Einsatz nicht mit einem offiziellen Projekt. Er beginnt mit einem Mitarbeiter, der ChatGPT verwendet. Mit einer Abteilung, die einen neuen Assistenten testet, oder mit einer Software, in der plötzlich eine KI-Funktion freigeschaltet wurde. Das Problem: Was dezentral beginnt, bleibt häufig unsichtbar.

Fragen Sie morgen Ihre Führungskräfte, welche KI-Systeme in ihren Bereichen eingesetzt werden. Sie werden wahrscheinlich sehr unterschiedliche Antworten bekommen. Manche Anwendungen sind offiziell bekannt. Andere laufen nebenbei. Wieder andere werden gar nicht als KI wahrgenommen. Sie brauchen eine einfache KI-Landkarte.

Halten Sie für jeden Anwendungsfall fest:

  • In welchem Prozess wird KI eingesetzt?
  • Welches System oder Werkzeug wird verwendet?
  • Welche Daten fließen hinein?
  • Wer sieht oder verwendet das Ergebnis?
  • Wer ist fachlich verantwortlich?
  • Wie wird das Ergebnis überprüft?

Diese Übersicht hilft Ihnen nicht nur bei regulatorischen Anforderungen. Sie zeigt Ihnen auch, wo bereits wertvolle Erfahrungen vorhanden sind, wo Doppelarbeit entsteht und welche Anwendungen sich skalieren lassen.

Was Sie heute aus Transparenzgründen dokumentieren, ist morgen der Ausgangspunkt für Ihr nächstes KI-Projekt.

Hebel 2

Geben Sie jedem KI-Anwendungsfall einen Verantwortlichen

„Das macht die IT" ist keine klare Verantwortung. Die IT kann ein System bereitstellen, absichern und technisch betreiben. Sie kann aber nicht allein beurteilen, ob eine KI-Empfehlung in der Produktionsplanung sinnvoll ist, ob ein automatisch erstelltes Angebot fachlich stimmt oder ob ein KI-generierter Text veröffentlicht werden kann.

Für jeden relevanten KI-Anwendungsfall braucht es deshalb einen Menschen mit Namen. Diese Person muss nicht jede technische Einzelheit verstehen. Sie muss aber vier Fragen beantworten können:

  • Wofür setzen wir die KI ein?
  • Welche Ergebnisse dürfen übernommen werden?
  • Wo ist eine menschliche Prüfung notwendig?
  • Wann muss die Nutzung oder das Ergebnis offengelegt werden?

Verantwortung bedeutet auch, dass jemand eingreift, wenn das System falsche oder unbrauchbare Ergebnisse liefert. Die KI erstellt einen Vorschlag. Der Mensch verantwortet, was damit passiert.

Je klarer diese Verantwortung geregelt ist, desto leichter können Sie neue Anwendungsfälle einführen. Ihre Mitarbeiter wissen, an wen sie sich wenden können. Entscheidungen bleiben nicht liegen. Und aus einem Experiment wird ein geregelter Prozess.

Hebel 3

Bauen Sie Transparenz in den Prozess ein, nicht nur in eine Richtlinie

Eine Regel, die ausschließlich in einem Dokument steht, wird im Alltag irgendwann vergessen. Transparenz muss deshalb genau dort entstehen, wo Menschen mit KI oder ihren Ergebnissen in Kontakt kommen.

Ein Kunden-Chatbot sollte zu Beginn klar sagen, dass er ein KI-System ist. Ein KI-generierter öffentlicher Inhalt braucht, sofern erforderlich, eine sichtbare Kennzeichnung. Ein fachlich relevanter Text braucht einen echten Prüfschritt und eine Person, die ihn freigibt. Beim Einsatz von Emotionserkennung oder biometrischer Kategorisierung müssen Betroffene informiert werden. Das darf nicht von der Aufmerksamkeit einzelner Mitarbeiter abhängen.

Bauen Sie die notwendige Information, Prüfung oder Freigabe direkt in den jeweiligen Prozess ein. Dann wird Transparenz nicht zur zusätzlichen Aufgabe, sondern zum normalen Bestandteil der Arbeit.

Und genau davon profitieren auch Ihre KI-Projekte. Denn eine KI arbeitet besser, wenn klar ist, woher Informationen kommen, wer Entscheidungen trifft, welche Ergebnisse erwartet werden und welche Grenzen gelten.

Transparenz ist deshalb keine Bremse für KI, sondern die Infrastruktur, auf der KI sicher und produktiv arbeiten kann. Der AI Act liefert uns vielleicht nicht den angenehmsten Anlass, darüber nachzudenken. Aber er zwingt uns zu drei Fragen, die wir ohnehin beantworten sollten:

Wer diese drei Fragen sauber beantworten kann, erfüllt nicht nur Anforderungen leichter. Er kann KI auch schneller und wirkungsvoller in die Organisation bringen.

3 Fragen für Sie
  1. Könnten Sie innerhalb von 30 Minuten alle relevanten KI-Anwendungsfälle in Ihrem Unternehmen auflisten?
  2. Gibt es für jeden dieser Anwendungsfälle eine konkret benannte fachlich verantwortliche Person?
  3. An welcher Stelle könnten Kunden, Mitarbeiter oder Geschäftspartner heute mit KI oder KI-generierten Ergebnissen in Kontakt kommen, ohne es zu wissen?

Wie denken Sie darüber? Teilen Sie Ihre Gedanken gerne auf LinkedIn und lassen Sie uns voneinander lernen.

Wenn Sie KI strukturiert in Ihrem Unternehmen einsetzen wollen, aber noch keine vollständige Übersicht über Anwendungen, Verantwortlichkeiten und notwendige Regeln haben, lassen Sie uns darüber sprechen. In 30 Minuten finden wir heraus, wo sich in Ihrem Unternehmen der größte blinde Fleck befindet. Kein Pitch. Ein ehrlicher Blick auf Ihre aktuelle Situation.

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Martin Posarnig
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