Ausgabe 135 23. Juli 2026

Humanoide Roboter: Der Vorsprung entsteht in den Jahren davor

Liebe Geschäftsführerin, lieber Geschäftsführer,

In Newsletter #128 saß mir vor sieben Wochen ein Kunde gegenüber, der am liebsten sofort 20 humanoide Roboter bestellt hätte. Ich war diesmal der Spielverderber. Nicht weil die Idee falsch war, sondern weil der Zeitpunkt entscheidet, wie viel Sie aus so einer Technologie herausholen und wie viel Sie verbrennen. Meine Empfehlung damals war klar: jetzt keine Flotte kaufen, aber auch nicht abwarten, sondern sich strukturiert vorbereiten.

Seitdem hat sich etwas getan, das genau diese Haltung bestätigt und den Druck erhöht. Die mechanische Entwicklung geht schneller voran, als selbst ich erwartet hätte, gerade beim schwierigsten Bauteil überhaupt: der Hand. Sie gilt als der komplexeste Teil am ganzen Roboterkörper, ihre Feinmotorik und ihr Tastsinn ließen sich bisher kaum von einer Maschine nachbilden.

Mehrere Hersteller zeigen inzwischen, wie schnell sich das gerade ändert:

  • 1X zeigt mit ihrem NEO-Modell Roboterhände mit 25 bis 27 Freiheitsgraden, ebenso chinesische Anbieter
  • Diese Hände pflücken Trauben, ohne sie zu zerdrücken
  • Sie öffnen und schließen Reißverschlüsse
  • Sie gießen Tee ein, ohne einen Tropfen zu verschütten

Noch sind das Laborsituationen, keine realen Anwendungsfälle. Aber das Tempo ist bemerkenswert.

Und damit kommen wir zum eigentlichen Punkt dieser Ausgabe: Nicht die Technik ist gerade das größte Risiko für Produktionsbetriebe. Der Vorbereitungsrückstand ist es.

Zwei der größten Investmentbanken der Welt untermauern das mit Zahlen. Morgan Stanley rechnet mit 13 Millionen humanoiden Robotern im industriellen Einsatz bis 2035. Goldman Sachs beziffert den Markt bis dahin auf 38 Milliarden US-Dollar. Das sind keine Zukunftsvisionen aus einem Hype-Zyklus, sondern Kapitalmarkt-Einschätzungen, auf deren Basis gerade Milliarden investiert werden. Trotzdem plant die überwiegende Mehrheit der Betriebe, mit denen ich spreche, dafür: null.

Ich will ehrlich bleiben, das ist mir bei diesem Thema wichtig: Es gibt bereits Roboter, die im industriellen Umfeld arbeiten. Aber keiner davon erreicht heute die Leistungsfähigkeit eines Menschen. Wer glaubt, in zwei Jahren steht ein humanoider Roboter mit menschlicher Leistungsfähigkeit am Band, überschätzt den Stand der Technik. Wer aber glaubt, deshalb sei noch Zeit zum Zuwarten, unterschätzt das Tempo der Entwicklung. In #128 habe ich Ihnen drei erste operative Schritte für den Einstieg gegeben. Heute schaue ich auf die Ebene darüber, auf die unternehmerischen Weichen, die Sie als Geschäftsführer schon jetzt stellen können. Ich gebe Ihnen drei konkrete Ansätze mit, wie Sie sich als Produktionsbetrieb in Österreich und der EU vorbereiten. Nicht weil die Technik reif ist, sondern weil die Vorlaufzeit es verlangt.

1

Flexibilität in langfristigen Investitionsentscheidungen mitdenken

Produktionsbetriebe denken in Investitionszyklen von fünf, zehn, manchmal fünfzehn Jahren. Eine neue Produktionshalle, ein neuer Standort, eine neue Anlage: Das bindet Kapital über lange Zeiträume. Genau bei solchen langfristigen Investitionen sollten Sie schon heute mitdenken, wie sich humanoide Roboter später flexibel in Ihre Arbeitsprozesse einfügen lassen.

Konkret heißt das: Wer jetzt eine neue Halle plant oder einen Standort eröffnet, legt die Grundlagen besser gleich mit. Genug Platz und Bewegungsflächen, Sicherheitszonen, Stromreserven und offene Datenschnittstellen statt geschlossener Insellösungen. Das kostet in der Planung fast nichts. Eine spätere Nachrüstung dagegen wird ungleich teurer und komplizierter. Sie kaufen damit keinen Roboter. Sie halten sich nur die Tür offen.

2

Früh zum Early Adopter werden, im kleinen Rahmen

Sobald eine halbwegs zuverlässige Lösung verfügbar ist, lohnt es sich, humanoide Robotik im kleinen Stil zu adoptieren. Nicht um sofort ganze Rollen zu ersetzen, sondern um Ihre Mannschaft schrittweise an den Umgang mit humanoiden Robotern zu gewöhnen.

Der Grund liegt in der Akzeptanz. Wer wartet, bis voll funktionsfähige Roboter verfügbar sind, und sie dann in einem einzigen großen Schritt einführt, riskiert massiven Widerstand in der Belegschaft. Dieser Widerstand schlägt direkt auf die Effektivität durch und verschlechtert den Return on Investment. Frühe, kleine Schritte schaffen dagegen Vertrauen und Erfahrung, bevor der große Schritt ansteht.

Deshalb mein Rat: Prüfen Sie rechtzeitig, ab wann ein erster Test-Roboter für Sie Sinn ergibt. Das ist die konsequente Fortsetzung des Roboter-Paten und der Testumgebung, die ich in #128 beschrieben habe. Der Roboter muss noch kein Produktivfaktor sein. Er ist ein Lernfeld, um Sie und Ihr Team mit dem Thema anzufreunden und erste Erfahrungen zu sammeln. Niemand kann heute seriös sagen, wann humanoide Roboter flächendeckend im Einsatz sein werden. Es können fünf bis zehn Jahre sein. Aber was, wenn es am Ende nur drei oder vier sind? Dann wollen Sie nicht bei null anfangen.

3

Ehrlich über den Ersatz menschlicher Arbeitsplätze sprechen

Der Fachkräftemangel ist in den meisten Produktionsbetrieben, mit denen ich arbeite, längst Alltag und nicht Ausnahme. Trotzdem will ich hier ehrlich bleiben: Der teilweise Ersatz menschlicher Arbeit durch humanoide Roboter wird ein reales Thema werden. Wer das ausspricht, macht sich unbeliebt. Wer es verschweigt, trifft die Entscheidung trotzdem irgendwann, nur schlechter vorbereitet.

Konkret heißt das: Strukturieren und analysieren Sie Ihre Prozesse schon jetzt. Schauen Sie sich an, in welchen Bereichen eine Integration humanoider Roboter überhaupt sinnvoll starten könnte und wo der Mensch klar im Vorteil bleibt. Und denken Sie früh darüber nach, wie sich diese Entwicklung mittel- und langfristig auf Ihre Investitions- und Personalplanung auswirkt. Diese Klarheit brauchen Sie nicht erst, wenn der erste Roboter vor der Tür steht. Sie brauchen sie, um die Entscheidungen der nächsten Jahre nicht blind zu treffen.

Fazit: Nicht die Technik entscheidet, ob Sie bereit sind. Die Vorbereitung entscheidet, ob die Technik Sie überrascht oder Ihnen nutzt.

3 Fragen für Sie
  1. Wann haben Sie sich zuletzt bewusst Zeit genommen, um über humanoide Robotik in Ihrem Betrieb nachzudenken, nicht als Technik-Spielerei, sondern als Planungsfaktor?
  2. Welche Investitionsentscheidung steht in Ihrem Unternehmen in den nächsten drei bis fünf Jahren an, bei der diese Entwicklung eine Rolle spielen könnte?
  3. Wenn ein Wettbewerber in fünf Jahren spürbar produktiver ist, weil er sich früher vorbereitet hat, wo würde Sie das treffen?

Wie denken Sie darüber? Teilen Sie Ihre Gedanken gerne auf LinkedIn und lassen Sie uns voneinander lernen.

Wenn Sie bei humanoider Robotik oder einem verwandten Thema noch keine klare Position haben, lassen Sie uns 30 Minuten darüber sprechen. In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir uns gemeinsam an, wo Sie stehen und was ein sinnvoller erster Schritt wäre. Ganz unabhängig davon, ob wir danach zusammenarbeiten.

Termin vereinbaren →

Wenn Sie zu diesem Thema Fragen haben, schreiben Sie mir gerne.

Ihr Produktivitäts-Pilot
Martin Posarnig
← Alle Ausgaben