Ausgabe 128 4. Juni 2026

Humanoide Roboter im Mittelstand – noch warten oder loslegen?

Liebe Geschäftsführerin, lieber Geschäftsführer,

ich war vor einigen Tagen bei einem Kunden. Wir haben über ein umfangreiches Transformationsprogramm gesprochen: Digitalisierung, KI, Robotik. Wirklich alles dabei. Von einfachen Digitalisierungs-Use-Cases bis hin zu hochinnovativen Ansätzen – ein breites Portfolio für die nächsten drei Jahre.

Einer der meistdiskutierten Punkte war der Einsatz humanoider Roboter im Produktionsumfeld. Der Geschäftsführer hätte am liebsten morgen 20 davon bestellt und in Betrieb genommen.

Ich bin ein ausgesprochener Freund innovativer Ansätze. Diesmal war ich der Spielverderber.

Nicht weil die Idee falsch ist. Sondern weil der Zeitpunkt entscheidet, wie viel Sie aus dieser Technologie herausholen – oder wie viel Sie verbrennen. Ich habe humanoide Roboter unter Laborbedingungen gesehen. Es lief noch recht holprig. Mit gutem Gewissen kann ich aktuell niemandem im Mittelstand empfehlen, direkt 20 davon zu kaufen.

Gleichzeitig: Die Entwicklung ist rasant. Täglich melden Hersteller Fortschritte. Es ist nicht einfach herauszufinden, was davon wirklich stimmt und was Marketing ist.

Meine klare Empfehlung: Den Markt aktiv beobachten, mit einem vielversprechenden Modell erste Versuche starten – und das strukturiert. Mit den folgenden drei Schritten kommen Sie heute schon in Bewegung, ohne sich zu überheben.

Schritt 1

Begin with the End in Mind

Bevor Sie irgendeinen Roboter kaufen, brauchen Sie ein Bild. Kein technisches Konzept, sondern ein konkretes Zielbild: Wie sieht Ihr Betrieb aus, wenn humanoide Roboter bereits Teil des Alltags sind? Was tun sie? In welchen Bereichen arbeiten sie? Wer beauftragt sie, wer überwacht sie, wie interagieren sie mit Ihren Kollegen?

Wenn Sie dieses Bild haben, wählen Sie den Bereich aus, der Ihnen am einfachsten erscheint. Prüfen Sie dort die Voraussetzungen: Wie strukturiert ist der Arbeitsablauf? Wie ist die Umgebung? Welche Interaktionen mit Menschen und Maschinen gibt es?

Niedrige Komplexität ist die Voraussetzung dafür, dass sowohl Ihr Team als auch der Roboter wirklich lernen können.

Schritt 2

Ernennen Sie einen Roboter-Paten

Dieses Thema braucht eine Person, nicht eine Abteilung. Jemanden, der sich dem Projekt annimmt und aktiv den Markt sondiert, Hersteller vergleicht, Kosten und Installationsanforderungen versteht – und im Idealfall selbst mit der Technologie in Berührung kommt. Messen, Demos, Pilotbesuche bei anderen Unternehmen.

Der Roboter-Pate ist nicht der Betreuer eines laufenden Systems. Er ist der Entscheidungsvorbereitende. Sobald er das nötige Know-how aufgebaut hat und wirklich entscheidungsfähig ist, kann er Beschaffung und Inbetriebnahme veranlassen und überwachen.

Diese Person heute zu benennen spart Ihnen später Monate.

Schritt 3

Erst üben, dann Praxis

Kein Roboter kommt direkt von der Lieferung in die Produktion. Schaffen Sie eine Testumgebung und nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Wie bewegt er sich? Wie reagiert er auf unerwartete Situationen? Wo liegen Stärken, wo Grenzen? Was muss das Team wissen, bevor es mit ihm zusammenarbeitet?

Erst wenn Sie das wirklich herausgefunden haben, wechseln Sie in einen einfachen realen Arbeitsbereich und erweitern Ihre Erfahrung unter echten Bedingungen.

Der Umweg über die Testumgebung ist in Wahrheit eine Abkürzung.

Zugegeben: In ein paar Monaten könnte dieser Fahrplan bereits überholt sein. Die Technologie entwickelt sich so schnell, dass humanoide Roboter bald vielleicht quasi out-of-the-box eine hohe funktionale Reife mitbringen und nur noch betriebsspezifische Gegebenheiten lernen müssen – was sehr schnell gehen kann. Aber bis dahin bringen Sie diese drei Schritte weiter als abwarten.

3 Reflexionsfragen für Sie
  1. Welcher Bereich in Ihrem Betrieb wäre heute am einfachsten für einen ersten Roboter-Versuch geeignet – und warum?
  2. Wen würden Sie als Roboter-Paten benennen? Gibt es diese Person bereits, oder müssen Sie sie erst entwickeln?
  3. Wie gut sind Ihre Prozesse in dem gewählten Bereich dokumentiert und standardisiert – und was müsste sich ändern, bevor ein Roboter sinnvoll eingesetzt werden kann?

Wie denken Sie darüber? Teilen Sie Ihre Gedanken gerne auf LinkedIn und lassen Sie uns voneinander lernen.

Wenn Sie dieses Thema konkret angehen wollen – ich spreche gerne mit Ihnen darüber, wie ein erster strukturierter Schritt in Ihrem Betrieb aussehen könnte.

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Martin Posarnig
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